Lehrgang 7 - Rissklettern in Adršpach

Felskader-Modul 7 (04.–06.06.2022) 
Rissklettern in Adršpach oder: Risse, Regen und Regeln 


Aufgrund der guten alten Tradition, die Pfingsttage in der Tschechischen Republik beim Risseschrubben zu verbringen, haben wir als Felskader bereits ganz zu Beginn des Jahres diesen Termin fest in den Kalender genagelt. Die Vorfreude, in den einschüchternd glatten und abweisenden dafür aber sehr traditionsreichen Sandsteintürmen von Adršpach ein Kletterwochenende zu verbringen, war entsprechend hoch.  


Samstag

Die Zugfahrt von Dresden nach Adršpach dauert knapp sieben Stunden. Da der Felskaderbus Freitagabend schon vorgefahren war, haben wir Nachzügler (Christoph und Valentin) diese interessante Reise über die Dörfer mal getestet. Die Fahrt ist eine wirkliche Empfehlung für alle, die Entschleunigung suchen und die tschechische Hügellandschaft mögen. Faustregel: Mit jedem Umstieg sinkt der Ausbauzustand des Bahnhofs proportional zur Federung des Zugabteils. Es war aber alles in allem trotzdem eine nette Zugfahrt, auch wenn wir Samstag halb zerstört auf dem Zeltplatz in Adršpach angekommen sind. Auf der Suche nach Kaffee und einem Powernap (in beliebiger Reihenfolge), sind wir dann auch den restlichen Felskadermitgliedern über den Weg gelaufen, die auf Besichtigungstour in der Felsenstadt waren und dabei schon mal in einigen Übungsrissen die Gliedmaßen an die doch recht speziellen Risstechniken gewöhnt und Ziele für die folgenden Klettertage ausgespäht hatten.  

©RuweBusch-2-5

Johanna im Übungsriss (Foto: Ruwe Busch)


Mit Robert Hahn und Domenique Wülfing (und natürlich unseren Trainer:innen) waren einige ausgewiesene Rissexperten mit beim Treffen dabei. In der näheren Umgebung der Insel irgendwo mitten im Felsenlabyrinth haben wir am Nachmittag gemeinsam den Aufstieg (oder Abstieg?) in Richtung Hölle (und einige interessante Risse) gefunden. Svante ist direkt den Nordwestriss aufs Teufelchen (Čertík) vorgestiegen. Unten noch ein schöner Handriss, entpuppte er sich am Ring dann aber als schindiger Schulterriss mit glibberigem Moosausstieg. Gleich daneben ist Kai an der Hölle (Peklo) den Schlangenriss nach oben geturnt. Ebenfalls in der Nähe gelegen wurden von Felix und Robert am Schmuggler (Pašerák) mit dem Epileptischen Ferkel und dem Talkamin noch ein technisch interessanter Handriss sowie ein Kamin mit Schulterrisscrux vorgestiegen. Um wieder ein bisschen Rissgefühl zu bekommen, waren die Wege ideal, sodass alle mal in ihre favorisierten und weniger favorisierten Rissbreiten einsteigen konnten. Robert hat es sich dann nicht nehmen lassen, das Käntchen (mit Baustelle) auf den Höllenfürst (Pekelník) vorzusteigen. Erst der Sonnenuntergang hat uns dann doch irgendwann zurück auf den Zeltplatz getrieben. In diesem Zusammenhang hat uns Domenique auch mit den drei goldenen Regeln des Alpinismus (ebenso gültig fürs Abenteuerklettern) vertraut gemacht. Regel 2: Stirnlampe nicht vergessen! Beim nächsten Mal halten wir uns garantiert daran. 


Nach der obligatorischen Nahrungsaufnahme unter Einhaltung von Regel 3 (Jeder darf essen was er will.) und je nach persönlichem Erschöpfungszustand wurde der Abend dann entweder eingekuschelt im Schlafsack oder Bergsteigerlieder schmettert am Lagerfeuer des Stranski-Zeltplatzes verbracht. Nachdem wir beim Treffen junger Bergsteiger bereits vorsichtig mit Schlappseil-Liedgut als integralem Kulturbestandteil sächsischen Kletterns in Berührung gekommen sind, kam hier dementsprechend die Fortsetzung:  
Und jetzt alle zusammen: „… du wirst schon überleben, denn Risse sind so geil!“


Sonntag

©RuweBusch-6215

Gemeinsames Frühstück auf dem Campingplatz (Foto: Ruwe Busch)

 
War der Tag mit den mit Abstand besten Bedingungen bei strahlendem Sonnenschein. Zeit also die Linien anzufassen, die wir am Tag davor auf der Besichtigungstour bereits ausgespäht hatten. Ferdi ist zuerst den Alten Weg auf das Karlchen (Karlik) vorgestiegen – eine schöne Handrissverschneidung.

©RuweBusch-6292  ©RuweBusch-6317

Ferdinand und Johanna am Karlik (Fotos: Ruwe Busch)

 

Parallel dazu haben Svante und Jannik ihren Klettertag direkt gegenüber am Dalibor mit einem formschönen Fingerriss begonnen. Die erfolgreiche Durchsteigung sollte dann ein tagfüllendes Projekt werden: 
  
Phase 1: Bis zum Ende des Fingerrisses steigt Jannik solide vor, die danach folgende Adršpacher Grifflosigkeit bis zum Gipfel schauen sich Jannik und Svante aber mit weniger Begeisterung an.  
Phase 2: Domenique installiert über dem Fingerriss noch zwei wichtige Schlingen, die das Projektieren der Stelle zumindest möglich machen.  
Phase 3: Vom Karlchen zurück schnappt sich Ferdi das Seil und projektiert an den schweren Reibungszügen. Seine im Mandala hart trainierte Fähigkeit, im Notfall sowohl ohne Tritte als auch ohne Griffe auszukommen, ermöglicht am Nachmittag schließlich das Gipfelfoto.  

 

©RuweBusch-2   ©RuweBusch-6347

 ©RuweBusch-6388

Jannik und Ferdinand im Fingerriss und dessen Reibungsausstieg (Fotos: Ruwe Busch)


Nebenher wurden in der Felsenstadt noch ein paar Klassiker abgeräumt:  

  • Briefträger (Pošt'ák) – Dünner Brief
  • Drei Riesen (Tři obří) – Talriss 
  • Pförtner (Fortnýř) – Hangel, Fliegende Brille 

 

FK_Ardspach-028 FK_Ardspach-036

Jannik im Dünnen Brief (Fotos: Felix Getzlaff)


Zwischendurch haben sich alle wieder am Karlik getroffen, um ein bisschen Brot und Kekse zu snacken und zu evaluieren, wofür Nerven und Kraft noch reichen. Ferdi und Kai haben sich dann am Ameisenberg (Mravenčí Hora) mit Tarja getroffen und sind noch einige schöne Handrissmeter im Gelben Riss geklettert. Im Bestreben, noch eine große Route anzufassen, sind Svante und Johanna in Ilias Vermächtnis an der Bürgermeisterin (Starostová) eingestiegen und pünktlich zum Sonnenuntergang auch auf dem Gipfel angekommen.    

©RuweBusch-6419 FK_Ardspach-013

Svante auf dem Weg zum Gipfel (Fotos: Ruwe Busch und Felix Getzlaff)

 

©RuweBusch-6358

©RuweBusch-6231

©RuweBusch-6341

Was ist das schönste Felskader-Gruppenfoto? (Fotos: Ruwe Busch)


Montag

Im Zelt liegend wurden wir weder von Kaffeeduft noch vom Muskelkater geweckt, sondern vom seichten Landregen, der die Felsenstadt schön durchgefeuchtet hat. Klar, dass unter diesen Umständen alle Pläne, noch einen Riss zu klettern, verworfen werden mussten und wir stattdessen beim Einräumen der Kofferräume mit dem Campingequipment Tetris gespielt haben.  
Die schönsten Augenblicke hat Pepe in diesem YouTube-Video verewigt.


In diesem Sinne haben wir uns wieder vom tschechischen Sandstein verabschiedet. Es war aber bestimmt nicht das letzte Mal, dass wir die Felsenstadt besucht haben.


Ach so – die goldene Regel Nummer 1 haben wir übrigens auch eingehalten: Sterben ist nicht! 

 

Text: Christoph Doktor

Vorherige Seite: Lehrgang 6 - Franken Nächste Seite: Lehrgang 8 - Schwerklettern