Lehrgang 3 - Von kalten Fingern und warmen Gedanken // Mentaltraining

Man kann nicht sagen, dass wir nicht motiviert waren, Anfang November (05.-07.11.21) noch ein Felskader-Treffen am Fels durchzuführen. Aufgrund von zwei Tagen Dauerregen im Voraus waren die Erwartungen an das Wochenende allerdings doch eher gedrückt. Zeitgleich hat der Ostblock Cup im Bloc NoLimit in Leipzig seinen Auftaktwettkampf 2021 veranstaltet und Jannik und Ronja haben uns dort als Felskader-Delegation erfolgreich vertreten. In verminderter Größe sind wir somit zum Ort des Treffens, der Weixdorfer Hütte in Hohnstein, angereist, wo uns bereits ein kleines Kaminfeuer willkommen hieß. Als ersten Gast für das Wochenende konnten wir Michael Scharnweber in unserer Runde begrüßen, der als Koryphäe des Sächsischen Schwerkletterns zum Thema des Treffens, Schwerklettern und Psyche im Sandstein, viel aus dem Nähkästchen geplaudert und uns am Samstag auch an die Felsen begleitet hat. Bei einer abendlichen Runde Bonanza mit leckerem Curry wurden dann alle durch den Wetterbericht ein bisschen optimistischer gestimmt, welcher für Samstag keinen Regen und viel Sonne vorhergesagt hat.

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Die gestellte Aufgabe: Über die Eindrücke und Gefühle nachdenken und darüber sprechen (Fotos: Ruwe Busch).

Die Gebietswahl fiel wetterbedingt auf das tschechische Modrin. Aufgabe des Tages (auch als Vorbereitung auf den Sonntag) war schwer zu klettern, an die eigenen Grenzen zu gehen, und dabei seine Gedanken und Emotionen bewusst zu reflektieren. Das war bei Tageshöchsttemperaturen, die kaum die 10-Grad-Marke gekitzelt haben, doch eine Herausforderung. Da sich schwere Züge mit klammen Fingern noch schwerer anfühlen und man sich aller paar Züge die Finger warm pustet, waren wir definitiv manchmal an unserer Grenze. Trotz allem war es ein schöner Klettertag mit einigen mutigen Vorstiegs- und schweren Rotpunktbegehungen, an dem die Sonne leider viel zu früh untergegangen ist.

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Klettern in Modrin - Lara, Christoph und Ferdinand (Fotos: Ruwe Busch).

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Klettern in Modrin - Svante, Johanna, Svenja und Kai (Fotos: Ruwe Busch).


Zurück auf der Hütte wurden die kalten Füße erst einmal wieder am Kamin gewärmt und es wurde ein Abendessen auf den Herd gezaubert. In unserer Runde begrüßen konnten wir als zweiten Gast einen Psychologen, der ebenfalls über viel Erfahrung als Kletterer im Sandstein verfügt und mit uns in langen Gesprächen viele Themen um die Psyche beim Klettern herum (vor allem auch im Bezug auf das sächsische Klettern) betrachtet hat. Die Themenvielfalt erstreckte sich von der Frage „Wie bereite ich mich mental auf eine schwere Sandsteinroute vor, auch wenn ich sie noch nie in der Hand hatte?“ über „Welche Anforderungen stelle ich an meine:n Seilpartner:in?“ bzw. „Wie kommuniziere ich in einer Route am besten?“ bis hin zu unterhaltsamen Vergleichen zwischen Klettern und Drogensucht. Als Abschluss des Tages durften wir dann eine Übung durchführen, in der wir uns die fiktive Geschichte eines Klettertages vor dem inneren Auge visualisiert und dabei allen Gedanken und Gefühlen – am Zustieg, am Einstieg, in der Route – nachgefühlt haben. Wir haben uns im Anschluss viel über unsere Erfahrungen und Wahrnehmungen ausgetauscht und saßen an dem Abend noch lange zusammen.

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Gemütlicher Abend auf der Hütte mit viel Zeit und Raum zum Nachdenken und Austauschen (Fotos: Ruwe Busch).


Da der Samstag wettertechnisch eine Ausnahme war und uns am Sonntag das nasse Herbstwetter eingeholt hat, fiel nach dem Frühstück die Entscheidung, erstmal bei der Theorie zu bleiben. Bei einer weiteren Übung haben wir diesmal nicht eine fiktive Geschichte sondern ein von uns real erlebtes, schönes Klettererlebnis visualisiert und haben uns danach in weiteren Gesprächen über Angst als wichtiges Regulativ beim Klettern und die psychische Ausdauer (die manchmal noch schneller erschöpft ist als die physische) verloren.
Am Nachmittag haben wir dann noch eine kurze Klettereinlage im Sandsteinsteinbruch Liebethal eingelegt, mit einem besonderen Augenmerk auf Sturztraining, weiches Sichern beim Stürzen und Zurückklettern von schwierigen Passagen. 
Wir gehen also mit folgenden Erkenntnissen aus dem Wochenende:

1) Wenn auch zu Tode zitiert, immer wieder wahr: Der Kopf ist der stärkste Muskel beim Klettern.
2) Wenn die Finger am Fels fest frieren, halten sie deswegen nicht besser.
3) Ein Kilo Reis kann durchaus für 12 Personen reichen.

In diesem Sinne - Berg Heil, wir gehen uns jetzt unsere nächste Dosis Fels holen.

Text: Christoph Doktor